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Flüchtlinge auf Kos: „Wir haben nichts zu verlieren“

09. Nov. 2015 von Adam Wolf

 

blicke2_3_2Ein Flüchtlingsjunge steht am Stadtstrand von Kos Stadt und schaut auf die Reste von gestrandeten Flüchtlingsbooten und die Zelte von Flüchtlingen.

Urheber: Adam Wolf. Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Viele tausend Menschen warten auf den griechischen Inseln auf ihre Papiere zur Weiterreise. Und es werden täglich mehr. Mit dem Winter kommt die Angst, dass die Grenzen und Fluchtwege blockiert werden. Adam Wolf, Skipper der Sea-Watch, berichtet aus Kos.

Mittwoch, 21. Oktober 2015 Kos Stadt, Griechenland

Der Eingang des Registrierungsbüros für Flüchtlinge gleich neben der Festung im Hafen der Inselhauptstadt Kos Stadt ist gedrängt voll.

Es gibt ein ca. 20m2 großes, über eine rutschige Marmortreppe zu erreichendes Minipodest mit Dach, unter dem sich um die 50 Menschen drängen, vor allem kleine Kinder und Frauen. Die meisten sind bis auf die Haut durchnässt und weinen.

Es ist Mittag und es regnet unvorstellbar stark. Die Straßen entlang des Stadtufers sind nur noch Bäche und es standen bis gestern noch um die 80 kleine Zweimannzelte direkt an der Hafenstraße auf dem harten Asphalt, inzwischen schwimmen sie und die meisten sind ins Hafenbecken geschwemmt worden, wo sie vor der Kulisse des nahen türkischen Festlandes und in Regenvorhängen auf und ab tümpeln. Die meisten davon voll mit den wenigen Habseligkeiten, die die flüchtenden Menschen mitbringen konnten oder die sie von den wenigen helfenden Händen in Kos Stadt bekommen haben.

Die notdürftigen Zeltbehausungen mit allem darin sind nun weg: ins Wasser gefallen im wahrsten Sinne des Wortes. Ins Wasser, das die Menschen aus Syrien, Irak, Afghanistan, Eritrea oder einem der Länder, in denen das Überleben unmöglich geworden ist, hierhergebracht hat.  Ins Wasser, das Segen war und Fluch für so viele, die es bis hierher geschafft haben oder auch auf dem Weg ertrunken sind. Überzeugt und zum Äußersten entschlossen, lieber zu sterben als zurückgehen zu müssen in den Tod oder den Terror.

Die Wurfzelte, in denen ganze Familien in der Hafenstrasse von Kos

Die Wurfzelte, in denen ganze Familien in der Hafenstrasse von Kos Stadt auf hartem Strassenasphaltboden wohnen, bis ihre Weiterreise und ihr legaler Status geklärt ist. Diese Zelte wurden beim Sturm grösstenteils ins Wasser geschwemmt.

Urheber: Adam Wolf. Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Unter den alten Platanen im Park gleich hinter dem Registrierungsgebäude am Hafen versuchen die Menschen im Flüchtlingscamp an diesem Tag auch nicht wegzuschwimmen, bei dieser Sintflut und mit all ihren Zelten im Schlamm. Einige junge Männer drängen sich um einen Baum, die Verbindung zu Außenwelt, denn hier ist die WLAN Station auf gebaut und sind Steckdosen vorhanden.

verbindungzurweltEine Handyladestation mit Wlanrouter an einem Baum im Flüchtlingscamp im Park, die einzige Verbindung für Flüchtlinge mit der Aussenwelt. Etwas provisorisch, aber das Zentrum des Camps.

Urheber: Adam Wolf. Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Es kommt der Winter. Mit ihm Sturm und kalte See. Und dazu die Angst, dass alles von einem Tag auf den anderen vorbei sein wird. Die Grenzen dicht, die Fluchtwege blockiert! In der Türkei kursieren Gerüchte. Darüber, dass Griechenland die Grenzen hermetisch dicht machen wird, dass auf Flüchtlinge bald geschossen werden soll. Dass es auf den Inseln Haftcamps geben soll und ein weiterkommen auch bei erfolgreicher Überfahrt dann unmöglich wird. Die beschlossenen Hot-Spots in Kos und Lesbos und anderswo sind eine massive Bedrohung für die Flüchtenden. Also schwimmen, treiben und ertrinken die Menschen mit einer Art „Last Minute“-Verzweiflung zwischen Asien und dem ersehnten Europa und jeden Tag werden es mehr. Von der Hafenstraße aus kann man von Kos bis Bodrum, 5 nahe Seemeilen entfernt, am frühen Morgen lauter schwimmende bunte Punkte sehen: Schlauchboote, seeuntauglich und gefüllt mit Familien.

restevonfluchtbootEines der unzähligen zerrissenen Schlauchboote, die an den Stränden der Stadt angeschwemmt werden und das hoffentlich seine Besatzung lebend nach Europa gebracht hat. Urheber: Adam Wolf.

Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Diese Woche hat die Zahl der unfreiwilligen Seeleute 600.000 erreicht. Es sind durchschnittlich 5.800 Menschen, die pro Tag an den Küsten der Inseln nahe der Türkei landen. In der Woche des 15. Oktober waren es schon 6.200 Menschen, die jeden Tag die Gefahr dieser unsicheren Reise auf sich nahmen. 16.500 Menschen, die zur Zeit auf den Griechischen Inseln in völlig unzureichenden Camps darauf warten, ihre Papiere bearbeitet zu bekommen, um dann noch vor dem Winter weiterzureisen ins gelobte Nordeuropa. Noch stellt sich keiner dieser Flüchtenden den Winter vor, keiner den Schnee oder die Kälte. Noch wissen sie nicht um die Ausbrüche von Erkrankungen, wie sie zum Beispiel in Hamburg in den Flüchtlingscamps zur Zeit um sich greifen.

„Germany“ ist hier weniger ein konkretes Ziel, eher ein Synonym. Für jedes Land Europas, das eine Chance gibt, für einen Platz, wo die Familien oder die Vertriebenen endlich beschützt und ohne Angst ein paar Tage oder Wochen ausruhen können, wo Schutz und Sicherheit das ist, was alle diese Meschen suchen. Keine Reichtümer, kein großes Träumen von Luxus oder Besitz, es ist schon das Maximum für diese Menschen, sich vorzustellen, ein Bett zu haben, einen Ort mit Wänden und ein paar Nächte Ruhe nach den Monaten und in manchen Fällen Jahren der Flucht.

 

Wir haben nichts zu verlieren.“

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Mohammed, 17 Jahre aus Aleppo.

Urheber: Adam Wolf. Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

 

 

Da ist Mohammed, ein Junge, der 17 Jahre alt ist und aus Aleppo stammt, wo sein Gymnasium zwei Monate vor dem Abitur bombardiert worden ist, der so grosse Hoffnungen auf ein Studium gesetzt hatte und dessen Lehrer nun beinahe alle in den Flammen umgekommen sind. Seine Familie hat zusammengelegt und diesen pfiffigen Jungen, der als einziger Englisch spricht in der Familie, auf die lange Reise ins Ungewisse geschickt. Seine größte Sorge gilt seiner Familie, die in einem Kellerloch sitzt und die Bomben über sich explodieren hört und über WhatsApp-Sprachnachrichten Mohammed kommuniziert.

Zahira, eine junge Frau mit  völlig durchnässten Schleier, die sich schämt, weil ihr Haar strähnig und ungekämmt unter dem Schleier hervorhängt und die zwei kleine Babies auf dem Arm hat, die sie, wie sie sagt, seit einer Woche keine Sekunde von den Armen gelassen hat. Ihr Mann war in einem dieser unsäglichen Schlauchboote, die die türkischen Schlepper – in diesem Falle ein Polizist in Bodrum – für 3000 Euros an die verzweifelten Menschen verkaufen. Sie sind damit nachts um zehn losgepaddelt bei strömendem Regen und ihr zaghaftes „ist das sicher?“ wurde von allen neun Mitfahrenden einfach abgebügelt. Komm oder bleib am Strand zurück, das war die Wahl.

Sie stieg ein und wurde eine Stunde später von der griechischen Küstenwache aus dem Wasser gefischt. Allein, kein einziger der Mitfahrer war noch da, sie hatte die beiden Babies keine Sekunde losgelassen. Ihren Mann hat sie seit der Rettung nicht wiedergesehen.

Schon drei Tage hat sie in einem dieser Wurfzelte geschlafen, auf hartem Asphaltboden. Ihr Englisch ist exzellent und ihre Ausdrucksweise sehr gewählt. Sie war Englischdozentin in Aleppo und hatte ein Jahr vorher geheiratet. Djadi, „The man of my dreams“. Er ist bestimmt irgendwo auf der Insel angekommen sagt sie.

 

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Wakur, ebenfalls aus Syrien, hat die Überfahrt in einem Autoreifen angetreten.

Urheber: Adam Wolf. Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

 

 

Wakur’s Überfahrt war weitaus unkomfortabler als die der meisen anderen:  er kaufte sich auf einem Autoschrottplatz in Bodrum einen Schlauch eines Lastwagenreifens und paddelte „von einem Strand“ in der Türkei, dessen Name er nicht kenne, los. Mit Kravatte und einem Hut „wegen der Sonne“. Fünf Stunden später wurde er tatsächlich aus dem Wasser gezogen und hierher nach Kos gebracht. Von einem Fischerbötchen, kaum größer als sein Rettungsring, wie er sagt. Und nein, er könne nicht schwimmen.

Fragt man die Flüchtlinge, die teilweise unter Schock anlanden in Kos, warum sie denn bei solchen brutalen Bedingungen und bei hohem Seegang und strömendem Regen die Überfahrt wagen, ist die Antwort immer die Gleiche: „Wir haben nichts zu verlieren, lieber sterben als in die Bombardierungen oder Demütigungen zurückgehen zu müssen. Und dann kommt immer noch der traurige Nachsatz: „There is nothing we could go back to anyway“ – es gibt nichts, wohin wir zurückgehen könnten, auch wenn wir das wollten.

„Eine Fluchtwelle im Winter wie diese ist ein nie dagewesenes Phänomen“, sagt Alessandra Morelli, die Leiterin des Büros für Notfalloperationen des Hochkommissariat für Flüchtlinge der Vereinten Nationen in Griechenland, „es ist wichtig, die Logik des „Jetzt oder nie“ zu verstehen, die gerade alle Flüchtlinge bewegt. Es muss jetzt sein, oder es wird nicht mehr gehen und die Flucht wird unmöglich gemacht“. Das bewegt die Menschen, mit aller Kraft und unter allen Risiken und Kosten die Überfahrt genau jetzt anzutreten, auch im stürmischen und kalten Winter. Es sind unvorstellbare Katastrophen und Verluste an Menschenleben zu erwarten für diesen Winter. Die Krise ist da und es braucht alle Kräfte, gebündelt und ohne Kompetenzstreitigkeiten, um die Menschen erst einmal aus dem Wasser zu retten und zu versorgen.

 

Warten auf das Ticket

warten3Die Festungsmauer mit den Wurfzelten, in denen meist Menschen aus Pakistan und Bangladesch länger warten müssen, bis sie ihren legalen Status geklärt bekommen – manchmal eine Woche, manchmal bis zu drei.

Urheber: Adam Wolf. Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Menschen im Gedränge mit langen, gelben, von den Helfern draußen ausgegebenen, Regenponchos, warten auf das Öffnen des Registrierungsbüros. Müde aussehende Beamte machen sich bereit, die Büros  für den Nachmittag zu öffnen. Gleichwohl sind die meisten sehr wohlmeinend und tun ihren Job mit Freude, sie haben wenigstens einen, der das ganze Jahr durch ein Einkommen sichert, nur die völlig fehlende Unterstützung von Athen und der EU ist für viele die Quelle von Frust und Nervosität. Eine junge Frau mit  hochrotem Kopf schleppt einen riesigen Stapel Akten in das Gebäude:„Das sind doch einfach arme Teufel, wie wir auch hier, und es fehlt auch hier nicht viel und wir werden mit dem nächsten Schiff emigrieren und kommen dann auch zu euch nach Deutschland“ sagt sie mit halbem Grinsen.

eingangIn der Eingangshalle der Registrierungsstelle drängen sich die Menschen mit Wartenummern.

Urheber: Adam Wolf. Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die Flüchtlinge aus Syrien und Irak, aus afrikanischen Staaten wie Eritrea oder Äthiopien bekommen Nummern, mit denen sie dann in der Reihenfolge der Ausgabe vielleicht nach einem, vielleicht nach zwei Tagen drankommen, nachdem sie den ganzen Tag in den Vorhallen des Gebäudes darauf warten, ihre Bearbeitungsnummer aufgerufen zu bekommen. Sie stehen dann hier, mit Kindern und ihren Taschen und ihren Fragen, die sie stellen wollen, sobald sie drankommen, endlich, und dann mit diesem magischen Papier in der Hand auf das große Schiff steigen können, das sie in die Freiheit, die Weiterreise führt, wie sie sagen.

Sie müssen ihre Identität nachweisen. Keine Fingerabdrücke, nur Fotos und die Pässe, oder die Urkunden, die sie retten konnten aus ihrem zerstörten Heim. Erst dann dürfen sie ein Ticket kaufen für die Fähre nach Athen, ein, zwei Tage später. Nur Menschen aus Afghanistan, Pakistan und Bangladesch haben andere Bedingungen, sie müssen länger warten, ihre Papiere werden überprüft, die EU hat eine genaue Anweisung dazu verfasst. Die Athener Regierung hat sie weitergeschickt an die Inselverwaltung. Was da genau drinsteht, dürfen sie nicht sagen, „Anordnung von Oben“.

Winter für die Griechen

Das Thema Arbeit und Einkommen über den Winter ist ein sehr sensibles hier. Nur sehr wenige Menschen auf den Inseln haben ein ganzjähriges Einkommen. Die Arbeitslosenhilfe wurde auf Druck der EU in Griechenland massiv beschnitten. Bis zum Jahr 2014 gab es über die Wintermonate monatlich um die 400 Euro Hilfe pro Haushalt, auch das schon eher ein Tropfen auf den heissen Stein. Danach wurde die Hilfe auf traurige 1.000 Euro für sechs Monate gestrichen, und das bei den hohen Preisen auf den Inseln – „Es muss alles importiert werden und das macht alles teuer“, wie Janis, ein Angestellter der Post, sagt.

Bei weitem die größte Einkommensquelle ist der Tourismus in Kos, wie auf allen anderen größeren Inseln in diesem östlichen Bereich des Mittelmeeres.

Afrodite, eine quirlige, lustige und energische Frau in den Sechzigern, arbeitet als Zimmermädchen in einem der Hotels an der Südküste. Sie hat drei Töchter und alle leben in Athen, die „Kleine“ ist erst 18 und kommt jeden Sommer für vier Monate nach Kos, um da zu arbeiten, denn „Ferien kann sich bei uns niemand leisten“. Sie arbeitet dann den ganzen Sommer in Doppelschichten, also 16 Stunden am Tag und das 7 Tage die Woche, und dann ab Anfang Oktober, wenn sie wieder in Athen sein muss, vertritt Afrodite sie bis zum Ende der Saison. Afrodite hat schreckliche Rückenschmerzen, manchmal sitzt sie eine Minute nur auf einem Flur und es laufen ihr die Tränen übers Gesicht. „Einen Arzt können wir uns schon lange nicht mehr leisten und ich bin froh, wenn es zum Essen reicht“. Und dann erzählt sie noch, dass ihre Töchter alle auf den verschiedenen Inseln arbeiten, um wenigstens in Athen ihre Zimmer bezahlen zu können über den Winter. Flüchtlinge? „Ich weiss nicht“, sagt sie und denkt einen Moment nach. „Naja, keiner flieht ohne Grund und man sieht ja so viel vom Krieg in Syrien im Fernsehen. Und fast meine ganze Familie ist nach Amerika gegangen in den Sechzigern. Die kommen jetzt manchmal alle zwei Jahre und bringen ein bisschen Amerikanisches mit.“ Mehr sagt sie zunächst nicht. „Aber Geld auch nicht“, fügt sie schließlich noch hinzu.

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Georgios, aus Kos, arbeitet derzeit als Alleinunterhalter.

Urheber: Adam Wolf. Dieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

 

 

Georgios ist Mitte 50 und ein lebendiger, lauter und singender Grieche – wie die, die uns in den griechischen Restaurants in Wanne Eickel oder Hodenhagen als Typisch präsentiert werden. Er sieht sehr viel jünger aus und hat zwei Töchter im Alter von 9 und 12 Jahren, Raffaela und Angelina. Seine Angetraute ist aus Moldavien und „irgendwann in den 90ern“ eingewandert, sagt er. Sie ist seine große Liebe und die zweite ist seine Insel.

Georgios hatte einen lokalen Fernsehsender bis zur „großen Krise“ und musste sich dann als Musiker und DJ durchschlagen, was er bis heute mit großem Engagement tut. Er ist der geborene Entertainer und versteckt seine Gedanken zur Flüchtlingswelle auf seiner Insel hinter großem Gelächter. Doch wenn er anfängt, ernst zu werden, werden seine Falten tiefer und er sieht plötzlich so aus, als wäre er müde und würde gerne mal das rausschreien, was er denkt über das Leiden, das er sieht, über sein Land und seine Insel, die in den letzten Jahren so abgestürzt ist.

Er schwärmt von Wien und anderen europäischen Städten, wo er gelebt und gearbeitet hat in den goldenen 80ern und 90ern. Und wo er es niemals sehr lange ausgehalten hat, weil ihm das Licht fehlte, die Sonne und das Lachen, das hier in Kos glücklich machte –  bis zur schlimmen Krise. Nun versucht er, seine Kinder durchzubringen mit Shows auf Hochzeiten und im Sommer in Hotels und weiß nicht, ob er seine Kinder nach Norden bringen soll für ihre Bildung – „Und wenn sie einmal krank werden?“

„Wir stehen am Rand der EU, keiner erinnert sich an uns und nun sollen wir die ganze Arbeit machen für die in den nächsten Jahren? Womit? „Er spricht über den geplanten „Hotspot“, der hier entstehen soll. Keiner weiß, wie das funktionieren sollte. Bis jetzt sind die Flüchtlinge absolut kein Thema und weniger ein Problem, sie kommen und einige Tage später ziehen sie weiter. „Keiner will hier Asyl beantragen, die sehen ja, wie beschissen wir hier leben und so kommen niemals auf so eine Idee.“

„Aber nun werden womöglich tausende Flüchtlinge Wochen und Monate hier verbringen und dann teilweise gewaltsam wieder auf die „andere Seite“ geschafft. Wie soll das gehen? Wer kommt dann noch hierher und will Urlaub machen?“ sagt Giorgos Kiritsis, Bürgermeister von Kos und humanistischer Politiker, der zur Zeit in Brüssel und Athen versucht, Klarheit über die Pläne der fernen Athener Regierung und der mächtigen EU Kommission zu bekommen.

Mohammed, der siebzehnjährige Junge aus Aleppo, ist inzwischen in Deutschland angekommen. Er hat 8 Tage gebraucht und will über den Weg von Kos bis ins Aufnahmelager bei Lüneburg nicht sprechen. Seine größte Sorge ist seine Familie, von der er seit Tagen nichts mehr gehört hat. Mohammed hat es tatsächlich noch vor dem Winter geschafft und ist voller Tatendrang. Er wartet auf seinen ersten Deutschkurs und will unbedingt arbeiten, um sein Abitur hier in Deutschland zu machen. So schnell und gut, wie es irgendwie geht – „Damit ich nach dem Krieg zurück nach Aleppo und helfen kann, meine Stadt wieder aufzubauen.“

 

Fotos von Kos